Samuel Widmer

Paul Samuel Widmer Nicolet (* 24. Dezember 1948 in Zuchwil; † 18. Januar 2017 in Lüsslingen-Nennigkofen) war ein Schweizer Arzt, Psychiater, Psychotherapeut und Autor. Er war Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (FMH), tätig in eigener Praxis und lebte sowie arbeitete in Lüsslingen-Nennigkofen in der Nähe von Solothurn. Seine Methoden sind umstritten.

Lehre und Praxis

Samuel Widmer praktizierte Psycholytische Psychotherapie. Bis 1993 besass er eine Spezialbewilligung vom BAG (Bundesamt für Gesundheit), die ihm erlaubte, psycholytische Psychotherapien mit den Substanzen MDMA und LSD durchzuführen. Er war Mitbegründer des Europäischen Collegiums für Bewußtseinsstudien (ECBS) und der „Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie“ (SÄPT). Widmer referierte u. a. auf den Basler Psychotherapietagen. Er leitete spirituelle Workshops, Meditations- und Tantra-Seminare und Meditationsreisen. Widmer lebte mit zwei Frauen zusammen und hatte mit beiden elf Kinder. Um Samuel Widmer und seine Frau Danièle Nicolet herum ist die Kirschblütengemeinschaft entstanden, ein Kollektiv mit etwa 80 Erwachsenen und 55 Kindern.

Das Kern-Schalen-Modell

Die Grundannahme des Modells ist, dass sich im Laufe der Entwicklung eines Menschen „emotionale Schichten“ um den „Wesenskern“ seiner Psyche legen. Das Modell soll man sich wie eine Zwiebel vorstellen, deren Kern die Quelle unserer Lebensfreude darstelle. Um diesen Kern herum bilde sich im Laufe der Entwicklung aufgrund erfahrener und nicht verarbeiteter Verletzungen eine Schicht des Schmerzes und der Trauer. Da diese Gefühle häufig als unerträglich empfunden werden, bilde sich eine weitere Schicht der abwehrenden Gefühle wie Ärger, Aggression, Wut und Trotz. Hierfür werde das Kind nicht selten mit Liebesentzug bestraft, so dass eine weitere Schicht der Anpassung gebildet werde, charakterisiert durch Gefühle wie Langeweile, Überdruss, Sinnlosigkeit und Depression.

Wenn ein Mensch wieder glücksfähig oder glücklicher werden möchte, müsse er sich durch diese Schichten durcharbeiten. Widmer verwendet nach eigenen Angaben zur therapeutischen Unterstützung in der Schweiz legale psycholytische Substanzen wie Ketamin und Ephedrin.

Kritik

In der ARD-Sendung „Ich mach Dich gesund!“ Scharlatane und falsche Heiler wurde Widmer 2015 aufgrund einer verdeckten Recherche vorgeworfen, Patienten nach wie vor Mescalin und MDMA zu verabreichen. Gruppensitzungen mit Patienten würden in „Drogentrips“ ausarten. Er wurde in der Sendung als „dubioser Heiler“ bezeichnet, seine Methoden seien lebensgefährlich. Sie wurden für schwere Gesundheitsschäden bei einer Patientin und für zwei Todesfälle bei Patienten seines Schüler Garri R. verantwortlich gemacht.

Der Tages-Anzeiger berichtete im März 2015 von einem Ermittlungsverfahren der Schweizer Polizei gegen Widmer wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. 2009 sei es in einer Therapiesitzung bei ihm zu schweren Vergiftungserscheinungen bei Teilnehmern gekommen; weitere Vergiftungsfälle seien ausserhalb seiner Praxis aufgrund seiner Therapiemethoden aufgetreten. In seiner Kirschblütengemeinschaft geniesse er den Rang eines Guru, Berichten von Aussteigern zufolge halte er seine Anhänger in sektenhafter Abhängigkeit.

2017 berichtete die Drehbuchautorin Ariela Bogenberger in Petra K. Wagners Dokumentarfilm Aussteigen von ihrer 18-jährigen Mitgliedschaft (1997–2015) in der sektenartigen Kirschblütengemeinschaft von Widmer.

Die Autoren Markus Thöß und Harriet Kloss von 37 Grad schildern am Beispiel der Schauspielerin Sabine Bundschu die lebensbedrohlichen Erfahrungen der durch Widmer sektenartig geführten Kirschblütengemeinschaft. Die gefährlichen Therapiemethoden fordern hohe Kosten (50.000 €) und haben bei Bundschu einen Schlaganfall verursacht.

Werke (Auswahl)

Aus der Stille. Short cuts to enlightment. Basic Edition, Basel 1997
Ecstasy. Die User-Fibel. Edition Heuwinkel, Genf 1996
Essenz schauen. Vom Ruhen im Urgrund allen Seins. Basic Edition, Basel 1998
Im Irrgarten der Lust. Abschied von der Abhängigkeit; die Geburt der Freude. Edition Heuwinkel, Genf 1997
Ins Herz der Dinge lauschen. Vom Erwachen der Liebe; über MDMA und LSD; die unerwünschte Therapie. Nachtschatten-Verlag, Solothurn 2002
Des Kaisers Nacktheit, des Kaisers Dummheit. Von Freundschaften und Feindschaften. Basic Edition, Gerolfingen 2003
Tantra – ein Lehrbuch von der Liebe Lebenskunst, mit Marianne Principi, Basic Editions, Nennigkofen 2016

Audio

Sex, Drugs und Therapie? Das umstrittene Treiben der KirschblütengemeinschaftAudio Von Susanne GötzeDeutschlandfunk KulturZeitfragen 25. Juli 2019Psycholyse: Drogensumpf versus Psychotherapie von Dorothea Brummerloh, DeutschlandfunkDas Feature, 43.53 Minuten, 17. Juli 2018, 19:15 Uhr, Audio

Weblinks

Literatur von und über Samuel Widmer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
samuel-widmer.chHugo Stamm: Besuch beim Sex-Guru.Tages-Anzeiger, 12. Februar 2015.
Literatur von Widmer / NicoletPer Hinrichs: Ex-Sektenmitglied erzählt: „Wir lagen zugedröhnt nackt im Kreis, auch aufeinander“.

Einzelnachweise

Detailseite Kulturschaffende. In: sokultur.ch, abgerufen am 24. Januar 2017. Gabriela Battaglia, Ralph Donghi, Gregory Remez: Blüht der Sekte jetzt ein Witwenkrieg? In: Blick.ch vom 19./20. Januar 2017, abgerufen am 22. Januar 2017. Hugo Stamm: Drogentherapien mit Hunderten von Klienten, Tages-Anzeiger, 22. März 2015, abgerufen am 23. März 2015. „Ich mach Dich gesund!“ Scharlatane und falsche Heiler.ARD, archiviert vom Original am 26. März 2015; abgerufen am 18. Januar 2017 (ausgestrahlt am 23. März 2015, in der ARD-Mediathek bis zum 23. März 2016 abrufbar gewesen). DER SPIEGEL: Tödliche Therapie: Gericht verurteilt Drogenarzt zu Haft und Berufsverbot – DER SPIEGEL – Panorama. Abgerufen am 20. Oktober 2020. sueddeutsche.de: Dem Sekten-Guru verfallenstuttgarter-zeitung.de: Gefangen in der „Kirschblütengemeinschaft“ Markus Thöß und Harriet Kloss: In den Fängen von Scharlatanen. In: 37 Grad.ZDF, 19. November 2019, abgerufen am 22. November 2019.